Moment mal...
Marienblümchen

Michael Bracht
Uns Menschen des 21. Jahrhunderts ist oft gar nicht mehr bewusst, wie sehr in früheren Jahrhunderten mittels frommer Geschichten und Legenden Glaube und Natur miteinander verbunden waren. - Hier ein Beispiel:

Als der Jesusknabe zwei oder drei Jahre alt war, wollte ihm seine Mutter Maria gerne einen Kranz zum Geburtstag bescheren. Aber es war Winter, und nirgends waren Blumen aufzutreiben. Da kam sie auf den Gedanken, von den weißen Schnipseln ihrer Näharbeit und aus einem Stück des goldfarbenen Mantels des Ahnherrn David Blumen zu einem Kranz zu fertigen. Bei dieser Arbeit stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und die weißen BlüteParadiesgärtleinnblättchen wurden hie und da von dem Blut rot gefärbt, das aus Mariens Finger rann. Der Jesusknabe gewann diese Blümlein um der Blutströpflein willen seiner Mutter Maria über die Maßen lieb, und als der Frühling kam, pflanzte er sie in seinem kindlichen Sinn auf die Wiese vor seines Vaters Haus. Die Blümlein wuchsen und verbreiteten sich über die ganze Erde. Weil sie auf der Wiese blühen, wo die Gänse weiden, nennt man sie aber auch Gänseblümchen.

Achten wir doch einmal bei unseren nächsten Spaziergängen besonders auf diese kleinen Pflänzchen, und lassen wir – wie die Alten es taten – beschwingt durch diese fromme Legende unseren Gedanken einmal freien Lauf. Entdecken wir hinter diesen zarten Boten des Frühlings die Schönheit der göttlichen Schöpfung und die Herrlichkeit seines Sohnes Jesus Christus.

Herzlich grüßt im Wonnemonat Mai,

Ihr Michael Bracht, P.



Gemälde: „Paradiesgärtlein“
(Ausschnitt – zu Füßen des Jesuskindes und der Maria ein Gänseblümchen)
Oberrheinischer Meister, um 1410/20